Genuss-Training
Viele Menschen verlieren in der täglichen Routine und im Stress des Alltages zunehmend den Blick für die Dinge und Situationen, die ihnen Freude bereiten. Kein Geld, keine Zeit, keine Ruhe sind häufige Begründungen dafür, dass Menschen sich zunehmend weniger Freiheit nehmen, in ihren Alltag Situationen des Genießens aufzunehmen. Durch seelische Erkrankungen wird die Fähigkeit zum Genuss zumeist noch weiter eingeschränkt. Mit dem Übergang von Gesundheit zur Krankheit geht graduell auch die Fähigkeit zur Selbstfürsorge verloren, so dass zunehmend die Patienten ihren inneren Bezug zu angenehmen Aktivitäten verlieren. Die Frage also, ob in der Therapie seelischer Erkrankungen, in der Psychotherapie, Freude und Genuss ihren Platz finden können, muss entschieden mit ja beantwortet werden. Die Möglichkeit zu euthymem Erleben (R. Lutz u. a. 1999) eröffnet die Chance, dass Patienten sich nicht weiter in ihrem Blickfeld auf ihre Probleme einengen, sondern im Gegenteil positive Erlebnisse wiederbeleben können und durch die Lust auf neue Erfahrungen, durch das Erleben dessen, was der Seele gut tut, Widerstandskräfte gegenüber ihren Problemen entwickeln. Die Idee vom Genuss-Training in der Psychotherapie grenzt sich ab von einem falsch verstandenen Hedonismus, d. h. von Vorstellungen, Genießen habe mit dem Erleben von Überfluss und entgrenzter Triebhaftigkeit zu tun. Für Patienten mit tiefergehenden seelischen Erkrankungen bedeutet Genuss-Training eine Form von Arbeit. Sie erarbeiten sich wieder ihre Fähigkeit, positives Erleben und Verhalten zurück in den Alltag zu bringen. Sie bieten dem Stress als Gesundheitsfeind einen Gegenspieler. Im Genuss-Training wird gewissermaßen ein aktiver Kontrapunkt zu belastenden Situationen entwickelt. R. Lutz, der die Konzepte des Genuss-Trainings im deutschen Sprachraum zu großen Teilen entwickelt hat, spricht statt von Genuss-Training lieber von einer Schule des Genießens. Der Begriff verdeutlicht noch einmal, dass es um kreatives Erlernen und Wiederentdecken von Wahrnehmungen geht, insbesondere von gezielten freud- und lustvollen Sinneswahrnehmungen. Über die Begriffe des Lernens und der Schule lässt sich auch der Gedanke transportieren, wie viel sinnvoller es ist, seelischen Erkrankungen durch Stressentlastung vorzubeugen, als sie behandeln zu müssen. Die grundlegende Einstellung für ein Genuss-Training ist also, es sich zu erlauben und sich darauf zu konzentrieren, dass gezielte Momente angenehmen, freudvollen Erlebens entstehen können; etwa nach dem Motto: wer gesund bleiben will, sollte lernen zu genießen. 2. Die Durchführung des Genuss-Training s Es wurden sieben Grundregeln des Genießens formuliert, auf die die Haltung eines erfolgreichen Genuss-Trainings basiert:
Das Programm beim Genuss-Training hat zum Ziel, konkretes Erleben im Bereich der fünf Sinne wieder zu schärfen: Riechen, Schmecken, Sehen, Hören und Tasten. Durch die Art, wie wir heute leben und durch die Umwelt, in der wir leben müssen, werden unsere einzelnen Sinne sehr wenig gefordert. Um gut genießen zu können, sind jedoch fein ausgeprägte und sensibel reagierende Sinne notwendig. Es hat sich daher bewährt, die fünf Sinnesbereiche aufzuteilen und in getrennten Abschnitten nacheinander zu bearbeiten. Z. B. wird ein Therapeut oder eine Krankenschwester, die eine Stunde Genuss-Training zum Thema Riechen einleitet, folgende Einführung geben:
„Ich habe hier einige
Dinge vorbereitet, die alle eines gemeinsam haben: Den Teilnehmern beim Genuss-Training - es wird in der Regel in einer Gruppe von ca. acht bis zehn Personen durchgeführt - werden z. B. zum Duft eines Rosmarinzweiges Sinneseindrücke und Erinnerungen einfallen, die ihr Leben schon früher positiv bereichert haben. Sie können im Rahmen der Gruppe solche Erfahrungen austauschen, miteinander teilen und voneinander lernen. Das Genuss-Training verbindet sich zwischen den einzelnen Stunden mit kleinen Alltagsaufgaben für die Teilnehmer, die dann wieder über ihre gewonnenen Erfahrungen berichten. In der Verbindlichkeit des gemeinsamen Gruppenerlebens gelingt es den Patienten, Hemmungen zu überwinden und sich zunehmend zu öffnen. Genuss-Training braucht Zeit. Um sich ausreichend intensiv mit den einzelnen Sinnen beschäftigen zu können und sich auszutauschen, sind mindestens sechs, besser mehr Termine erforderlich. 3. Differenzierte Indikationen für das Genuss-Training Das Genuss-Training stellt eine sehr schöne und auch sehr wirkungsvolle Therapiemethode dar, die sich, wie schon gesagt, im Bereich der Krankheitsvorbeugung einsetzen lässt, aber insbesondere auch in der Therapie mittelschwerer und schwerer seelischer Erkrankungen. In der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie der Hardtwaldklinik I wurde das Konzept des Genuss-Trainings zunächst bei Patientinnen und Patienten mit Depressionen und posttraumatischen Belastungsstörungen erprobt. Posttraumatische Belastungsstörungen entstehen vor dem Hintergrund von traumatischen Erfahrungen, die das Maß dessen überschreiten, das der Patient verarbeiten und in die Persönlichkeit integrieren kann. Gerade bei diesen Patienten hat sich das Genuss-Training als sehr heilsam entwickelt, da sie auf dem Wege des Genuss-Training s merken konnten, dass sie innerlich doch nicht - wie sie oftmals befürchteten - abgestorben waren, sondern dass sie allmählich und mit viel Geduld ihre Fähigkeit zu aufmerksamer und angemessener Selbstwahrnehmung steigern konnten. In der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie der Hardtwaldklinik I wird Genuss-Training auch in den anderen Therapiekonzepten genutzt, da es flankiert von Psychotherapiemethoden, die die Entwicklungsförderung des Selbst in den Vordergrund stellen, ein guter und von den Patienten gerne akzeptierter Therapiebaustein ist.
Weiterführende Literatur: E. Riehl
Dr. med. N. Schmitt
Zur Klärung weiterer medizinischer Fragen und Behandlungs- bzw. Therapiemöglichkeiten steht Ihnen unser Chefarzt im persönlichen Gespräch gerne zur Verfügung. Bitte vereinbaren Sie zuvor einen Termin in unserer Privatambulanz.
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