Gestalttherapie

  • Was bedeutet „Gestalt“?

  • Worum geht es in der Gestalttherapie?

  • Was ist ein gesunder Mensch?

  • Wie machen wir uns krank? Wie entstehen psychische Probleme?

  • Wie findet Heilung statt?

  • Hier und Jetzt, Wie- und Warum-Fragen

  • Ganzkörperliche Wahrnehmung oder den psychosomatischen Symptomen auf der Spur

  • Gestalttherapie ist optimistisch

  • Gestalttherapie in der psychosomatischen Klinik

Gestalttherapie: Was bedeutet „Gestalt“

Das Wort „Gestalt hat die Bedeutung von „gestalten“, formen, eine Form bilden, ein sinnvoll organisiertes GanzesGestalt ist - nicht nur in der Psychologie - etwas der Natur innewohnendes. Wir könnten nicht leben, wenn wir all die Millionen Gestalten und Formen, denen wir Tag für Tag begegnen, registrieren würden, ohne sie irgendwie zu ordnen, indem wir „GestaltenoderGanzheitenbilden. In seelischer Hinsicht bedeutet dies, dass wir als Individuen das Bedürfnis haben, auch seelische Prozesse als Ganzheiten zu erleben. Es tut gut, offene „Geschäfte“ abzuschließen. Unabgeschlossene „Geschäfte“ blockieren uns seelisch und behindern uns in unserem Leben.  

Gestalttherapie ist eine erlebnis- und  erfahrungsorientierte Therapie. Will man sie beschreiben, ist es ähnlich wie mit intensiven Gefühlen: man kann Eindrücke oder  Stimmungen vermitteln, aber es gibt keine objektive Darstellung, die bei jedem das gleiche Gefühl nachvollziehbar oder nacherlebbar macht. Hier möchte ich einen kurzen Einblick in den gestalttherapeutischen Ansatz geben:  

Worum geht es in der Gestalttherapie?

In der Gestalttherapie geht es um die Befreiung oder Wiedergewinnung unterdrückter Lebensenergie. Dabei steht im Mittelpunkt das Kontaktverhalten des Menschen zu  anderen Menschen wie zu Familie, Freunden und Fremden. Wirklicher Kontakt basiert auf der Wertschätzung von Unterschieden, auf der Bereitschaft Ja oder Nein zu sagen und der Fähigkeit, Gefühle und Handlungen des anderen zu respektieren. Das Kontaktverhalten schließt aber auch den Umgang mit Wissen und Erfahrung ein mit den Fragen: Wie gehen Sie auf die Welt zu? Wie auf alles Neue, das Ihnen begegnet? Sind Sie neugierig, wollen alles kennen lernen, oder verhalten Sie sich zurückhaltend, vorsichtig, warten lieber ab, haben vielleicht Angst vor allem Neuen? 

Und es geht auch um den Kontakt zu sich selbst: Kennen Sie Ihre Wünsche und Bedürfnisse? Setzen Sie sich auch dafür ein? Gelingt es Ihnen – wenn notwendig  - NEIN zu sagen, also sich abzugrenzen? Gibt es auf der anderen Seite auch ein echtes JA? Können Sie Kritik annehmen, aber auch Zustimmung und Lob? Heilung ist aus Sicht der Gestalttherapie nicht an einen äußeren Maßstab gebunden, sondern es geht um das Erreichen eines inneren Gleichgewichts. Fügt sich alles, was Sie sind, zu einem guten Ganzen? Oder gibt es Brüche oder Widersprüche, Ungereimtheiten oder Selbstbehinderungen, die Ihnen das Leben  schwer machen? 

Das wichtigste Instrumentarium der Gestalttherapie ist die Wahrnehmung. Die menschliche Wahrnehmung ist so angelegt, dass immer nur das für uns Wichtigste in den Vordergrund rückt. Das andere wird beiläufig im Hintergrund wahrgenommen. Dieses Wechseln unserer Wahrnehmung ist Voraussetzung für unsere Gesundheit. So ist es beispielsweise unwichtig, wie es Ihrem Fuß beim Lesen eines Buches geht. Ist der Fuß jedoch eingeschlafen, tritt Ihre Wahrnehmung des Fußes in den Vordergrund und das Lesen in den Hintergrund und Sie schütteln Ihren Fuß aus.  

Dieser Vorgang des flexiblen Wechselns unserer Aufmerksamkeit hat in der Gestalttherapie Bedeutung. In dem genannten Beispiel würden wir in jedem Fall das Lesen unterbrechen und unseren Fuß ausschütteln. Aber wie ist es, wenn wir viel arbeiten, uns überall engagieren unter dem Zwang des „Müssens“ und Zeichen von Erschöpfung zwar wahrnehmen, aber nicht „flexibel“ handeln und unsere Körpersignale nicht ernst nehmen? Burnout und viele psychosomatischen Erkrankungen sind die bekannten Folgen der fehlenden Flexibilität. 

Die Arbeit an der Wahrnehmung bringt noch ein weiteres zentrales Kennzeichen der Gestalttherapie mit sich: Sie hat ihr Augenmerk auf der Gegenwart, dem Hier-und-Jetzt. Wahrgenommen und erlebt wird immer in der Gegenwart. Es ist auch nur die Gegenwart, in der Sie handeln und eventuell etwas verändern können. Die Vergangenheit ist vorbei und die Zukunft gibt es noch nicht. Auf diese Weise stärkt die genaue Wahrnehmung auch unsere Handlungsfähigkeit.  

Gestalttherapie: Was ist ein gesunder Mensch?  

Gesund ist aus gestalttherapeutischer Sicht jemand, der guten Kontakt zur Realität hat, zu der großen und der kleinen Welt um ihn herum und in ihm selbst. Die meisten Menschen leben irgendwo dazwischen. Wenn wir mit uns selbst im Einklang sind, können wir besser mit unserer Lebensenergie umgehen und sie auf ganz konkrete Dinge richten, die wir durchführen möchten. Wir sind  wach und aufmerksam und unsere Energie ist dort, wo unser Interesse ist, wo wir angerührt sind. Eine „Einheit“, „ein Ganzes werden“ bedeutet dann: die Sprache unseres Körpers, unserer Gedanken, unserer Gefühle zu verstehen und uns danach zu richten. Gibt uns unser Körper ein Zeichen, ein „Warnsignal“, dann können wir auch darauf reagieren. Es bedeutet auch zu erkennen, wenn wir uns fremde Normen auferlegen und damit  unseren Energiefluss unterbrechen. Lernen, Freude erleben, Spaß haben, echten Schmerz fühlen, Neid oder Eifersucht deutlich empfinden sind wichtige und gesunde Gefühle, die uns  lebendig halten und die wir alle in uns tragen. 

Gestalttherapie: Wie machen wir uns krank oder -  wie entstehen psychische Probleme? 

Wir können uns selbst auf vielerlei Art und Weise krank machen, zum einen, indem wir   wichtige Dinge halb erledigt oder unerledigt lassen. Wir stehen zum Beispiel vor einem Berg unerledigter Dinge: ein Krach mit dem Nachbarn oder mit dem Partner ist nicht ausgestanden. Das Sterben eines Freundes wurde nicht verkraftet. Die Steuern sind seit zwei Jahren nicht bezahlt. Ein Prozess gegen einen unredlichen Arbeitgeber läuft. Wenn sich die unabgeschlossenen Problembereiche häufen, kommt es zur Erschöpfung, Niedergeschlagenheit oder aber angestauten Ärger bis hin zu psychosomatischen Beschwerden mit Magengeschwüren, Verdauungsstörungen, Kopfschmerzen, Rücken- und Gelenkbeschwerden und anderen körperlichen Symptomen. 

Ein anderer Grund für seelische Krankheit kann der Verlust des gesunden Lebensrhythmus sein. Unser Lebensrhythmus bewegt sich wie der Atemrhythmus: „Einatmen“ und „Ausatmen“ zwischen den Polen. Es ist ein Rhythmus zwischen „auf die Welt zugehen“, dann wieder „sich in seine eigenen Wände zurückziehen“, zwischen „Beziehungen-Eingehen“ und „Sich-Zurückziehen“. Arbeit und Freizeit. Völlig in jemandem aufgehen und dann wieder ganz für sich sein. Schauen und dann wieder wegsehen. Wenn wir an einem der beiden Pole hängen bleiben, wird der Rhythmus unterbrochen, wir „atmen nicht mehr richtig aus“. Oder wir können nicht mehr alleine sein. Oder wir können nicht mehr wirklich mit jemandem eine Beziehung eingehen. Oder die Umwelt erwartet so viel von uns, dass wir uns durch sozialen Einsatz derart in Beschlag nehmen lassen, dass wir kein eigenes Leben mehr haben.

Wenn wir unseren Rhythmus verloren haben, können wir nicht mehr richtig wahrnehmen, wir wissen nicht mehr so recht, was wir wollen. Oder wir haben so vielerlei, was wir heute erledigen wollen, dass wir uns nicht entschließen können, womit wir beginnen werden. Wir fangen etwas an, dann wenden wir uns wieder etwas anderem zu. Schließlich bleibt alles unerledigt und wir kommen mit unserem Alltag, mit unserem Leben nicht mehr zurecht.  Es gelingt uns nicht, uns in das Privatleben, den Arbeitsplatz oder den Freundeskreis so einzubringen oder diese so mitzugestalten, dass wir uns dort integriert und wohlfühlen. Der Kontakt zwischen uns und den „anderen“ ist unterbrochen. Wir  fühlen uns möglicherweise isoliert und wie abgeschnitten von unseren Gefühlen.  

Gestalttherapie: Ganzkörperliche Wahrnehmung - oder den psychosomatischen Symptomen auf der Spur 

Wenn wir aufgeregt sind, verspannen wir unsere Nackenmuskeln, wenn wir im Stress sind, beißen wir die Zähne aufeinander, wenn wir uns ärgern, bekommen wir Magenschmerzen oder Kopfschmerzen. Jeder Mensch ist eine Einheit, ein Organismus. Unser Organismus ist ständig damit beschäftigt, Unangenehmes oder Hinderliches aus- und abzustoßen oder aufzufüllen und zu ergänzen, wenn Mangel herrscht. Wo dieses Abstoßen oder Auffüllen nicht mehr richtig gelingt, entstehen unfertige Zustände, halbe Bewegungen, hinunter geschluckte Gefühle, unterdrückte Bedürfnisse. Wenn wir uns selbst hemmen und unseren vitalen Ausdruck und unsere Bedürfnissen unterdrücken, richten wir unseren Ärger und unsere Anspannung gegen uns selbst, ja wir verhalten uns regelrecht feindlich gegen uns selbst.  

Gestalttherapie: Wie findet  Heilung statt?

Das HIER  und JETZT, WIE- und WARUM-Fragen 

Nur wenn wir in der Gegenwart, im „Hier und Jetzt sind, können wir völlig durchatmen, kreativ und erfinderisch sein, mit offenen Augen und Ohren Lösungen suchen und finden, seelischen Schmerz und Tränen freien Lauf lassen. Stimmt etwas nicht mit uns - auch wenn es schon lange so geht, - dann suchen wir meist in ferner Vergangenheit nach den Ursachen. Die eigene Vergangenheit zu kennen und zu verstehen ist wichtig, um sich selbst besser zu verstehen. Aber dies reicht nicht aus! Erwachsenwerden und Erwachsensein bedeutet, selbst die Verantwortung für sein Leben tragen. Die Verantwortung auf früher zu verweisen, hilft nicht bei der Bewältigung von Problemen. Deshalb werden in der Gestalttherapie  „Warum“-Fragen durch WIE-Fragen ersetzt. Denn mit der Antwort auf die Frage WIE bekomme ich das Geschehen in den Griff. Ich werde mir dessen bewusst, was ich tue. Dann kann ich  wählen: alles so lassen wie es ist, oder etwas verändern. Statt zu fragen, „warum bin ich so gehemmt?“ Frage ich „WIE (wo und wann) hemme ich mich selbst?“ und „WIE (wo und wann) kann ich anfangen, eine Änderung meines Verhaltens zu probieren?“ 

Gestalttherapie ist optimistisch 

Vertrauen in die Möglichkeiten in jedem Menschen - Wir haben viel mehr Kräfte in uns als wir vermuten. Jedes Gefühl - ob wir traurig, wütend oder ratlos sind, vielleicht gar nicht zu fassen bekommen, was in uns vorgeht - stellt in der Gestalttherapie einen Angriffspunkt dar, an unsere Energien heranzukommen. Auch wenn wir jahrelang unsere Lebendigkeit auf  Sparflamme gehalten haben, keine starke Freude und keinen tiefen Schmerz mehr kennen oder wenn wir lustlos schlurfen im gewohnten Trott, können wir unsere Energie wieder finden. Spaß haben, Freude empfinden, Lebenslust spüren, aber auch echten Schmerz fühlen sind Möglichkeiten, die wir alle in uns tragen. 

Respekt - Jeder hat das Recht auf eigene Handlungen, eigene Ansichten und deren Konsequenzen. Jeder ist verantwortlich und kann Verantwortung tragen. Auch wer beschließt, sich innerlich abzuriegeln oder abzuschalten und sich nicht zu verändern, trifft eine Wahl, mit der er seinen Wert und seine Würde festigt. Im Mittelpunkt steht, wofür wir uns  entscheiden!

Hier und jetzt -  Jeder Augenblick kann zu  einem Neuanfang werden. Wir brauchen unser Leben nicht bestimmen zu lassen von ängstigenden Phantasien über die Zukunft oder von dem Gewicht der Vergangenheit. Hier und jetzt gibt es immer wieder die Möglichkeit zu neuen Erfahrungen und zu einem Neuanfang. 

Gestalttherapie in der psychosomatischen Klinik  

In unserer psychosomatischen Abteilung wird für einen Zeitraum von 6 – 8 Wochen ein besonderer „Lebensraum“ geschaffen, der eine therapeutische Gemeinschaft entstehen lässt. Sie stellt ein Übungsfeld zur Verfügung, in dem - herausgenommen aus den Alltagsproblemen - durch die besonderen Umgebungsbedingungen problematische Verhaltensweisen schneller  durchschaut werden und neues Verhalten unter erleichterten Bedingungen erprobt werden kann.  

Wir arbeiten tiefenpsychologisch nach dem Konzept der humanistischen Psychotherapie mit Gestalttherapie unter Einbeziehung kreativer Medien in Form von Gestaltungstherapie, Musiktherapie und Bewegungstherapie. Mit allen Patienten wird ein auf die Bedürfnisse des Einzelnen abgestimmter Therapieplan erstellt. Unser Therapieangebot ist aufgefächert in die Formen der Gruppen- und Einzeltherapie.   

Im Mittelpunkt unseres erlebnisorientierten therapeutischen Arbeitens stehen die verbalen und non-verbalen Gruppentherapien. Der leib- und körperorientierte Zugang hat dabei in allen Therapien eine besondere Bedeutung. Der Wechsel von verbalen, dramatischen und kreativen oder körpertherapeutischen Gruppenstunden – das so genannte intermediale Arbeiten - ist dabei besonders hilfreich, da durch diesen Medienwechsel eine bewusstere Wahrnehmung gefördert wird, die eine neue Sichtweise auf die bisherige Problematik oder Lebenseinstellung ermöglicht, die den Beginn von Veränderungen markiert. Auf der Basis des vorher geschilderten Prozesses kann im experimentellen Arbeiten eine neue Körperhaltung eingenommen werden, eine neue Verhaltensweise mit Mitpatienten ausprobiert werden. „Lernen heißt entdecken, dass etwas möglich ist“. 

Lesen Sie auch unseren Artikel Stationäre Gestalttherapie

B. Landgrebe

Animationen animierte Augen

Weitere Medizinische Informationen und Links für Patienten und Interessierte - von ADHS bis Zwangsstörungen finden Sie hier.

Zur Klärung weiterer medizinischer Fragen und Behandlungs- bzw. Therapiemöglichkeiten steht Ihnen unser Chefarzt im persönlichen Gespräch gerne zur Verfügung. Bitte vereinbaren Sie zuvor einen Termin in unserer Privatambulanz.

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Aktualisiert: Juni 2010

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